Besondere Charakteristika
Die deutschsprachige relationale TA unterscheidet sich von der angloamerikanischen Tradition durch fundamentale theoretische und methodische Unterschiede. Während die angloamerikanische Tradition primär psychoanalytisch-objektbeziehungstheoretisch argumentiert, bezieht sich die deutschsprachige Tradition darüber hinaus auf Phänomenologie, Leibphilosophie und Wahrnehmungstheorie. Und sie integriert disziplinenübergreifend Erkenntnisse der relationalen Wende in den Natur- und Geisteswissenschaften.
Matthias Sell: Pionier der deutschsprachigen relationalen Transaktionsanalyse
Psychologe M.A., Master Artium, Studium der Psychologie und Literaturwissenschaften, Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut. Lehrender und Supervidierender Transaktionsanalytiker für alle vier Anwendungsfelder (TSTA der DGTA, EATA, ITAA). 40 Jahre Praxis in Organisationsentwicklung (u.a. VW, 3M, Nord/LB, Shell, Solvay, Land Niedersachsen, Klosterkammer). Seit 2013 Lehraufträge an den Universitäten Hannover und SFU Berlin. Seit 1988 Gründer und Leiter des Instituts INITA – Institut für angewandte Psychologie, Transaktionsanalyse und Erwachsenenbildung GmbH in Hannover.
Theoretische Beiträge
Matthias Sell hat eine umfassende relationale transaktionsanalytische Theorie des Menschen entwickelt, in der er die klassische TA konsequent mit der relationalen Wende in Psychoanalyse, Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften, Philosophie, Ästhetik und Sozialwissenschaften verschränkt. Er versteht den Menschen nicht primär als autonomes Individuum, sondern als Bezogenen: Subjektivität geht aus Intersubjektivität hervor – Relation ist Grundtatsache des Menschseins.
Zentral ist sein Modell der Beziehungsformen, das die Struktur von Beziehungen beschreibt: etwa Ich–du‑Beziehung, Ich‑es‑du‑Beziehung, Ich‑oder‑du‑Beziehung, Abhängigkeitsbeziehungen und Nicht‑Beziehung, die pseudo-geleiteten Beziehungen – Ich doppelbödig (double bind) Du – und letztlich die balancierten, selbstbestimmten Beziehungen- Ich und Du Beziehung. Diese Formen fungieren als „Grammatik“ von Beziehungen und ermöglichen ein entwicklungspsychologisch fundiertes Verstehen von Bindung, Abhängigkeit, Symbiose und bezogener Autonomie. Damit verschiebt Sell den Fokus klassischer TA‑Konzepte (Ich‑Zustände, Transaktionen, Spiele etc.) hin zu relationalen Mustern und Feldern.
Weitere grundlegende Beiträge sind die Konzepte von Beziehungsraum, Beziehungsatmosphäre, Organisationsfeld und relationalem Feld. Der Beziehungsraum beschreibt den räumlich‑leiblichen Erfahrungszusammenhang, in dem Beziehung stattfindet; Beziehungsatmosphäre bezeichnet das ganzheitlich‑intuitive Erleben des Anderen in diesem Raum – eine vorsprachliche Qualität, die an neurowissenschaftliche Resonanz‑ und Embodiment‑Forschung anschließt. Das relationale Feld fasst innere Bilder, Affekte, körperliche Resonanzen und gruppendynamische Prozesse zu einem gemeinsamen Resonanzraum, der individuelle und kollektive Dynamiken verbindet.
In seinen Arbeiten zur Relationalen Analyse zeigt Sell, wie klassische TA‑Konzepte relational überschrieben werden können: Strokes als Ausdruck von Bindung, Transaktionen als Brücken der Beziehung, Ich‑Zustände als Ausdrucksformen von Beziehungszuständen, Spiele als Dynamik von Beziehungsformen und Skripte als Arbeitsmodelle für metakognitive Steuerung von Beziehungserfahrungen. Damit integriert er Ergebnisse aus Bindungstheorie, Mentalisierungsforschung, Säuglingsforschung, Neurophänomenologie, Kommunikationswissenschaften, und relationaler Psychoanalyse in ein konsistentes transaktionsanalytisches Denkgebäude.
Schließlich erweitert Sell die TA um eine ästhetische Dimension: In seinen Überlegungen zur „ästhetischen und psychischen Formung“ beschreibt er, wie räumliches Gestalten, Tonus‑Gestimmtheit, Atmosphärisches und „narrative Hüllen“ mit psychischer Entwicklung und relationalen Feldern verflochten sind. Subjektivität erscheint hier als Ergebnis kontinuierlicher Transformationsprozesse in relationalen Feldern – ein Ansatz, der TA, Ästhetik, Phänomenologie und Neuropsychologie zu einer eigenständigen relational‑ästhetischen TA‑Theorie verbindet.
→ Deutschsprachige Literatur zu relationaler TA
Michael Korpiun: Aktuelle Weiterentwicklungen
Wirtschaftswissenschaftler, Organisationsentwickler & Coach. Lehrender und Supervidierender Transaktionsanalytiker (TSTA-O der DGTA, EATA, ITAA) sowie Lehr-Coach und Lehr-Supervisor (EASC). Dozent am Eric Berne Institut, Zürich, und Lehrtrainer an der Sommerakademie Goldrain, Südtirol, des Instituts INITA. Zahlreiche Veröffentlichungen und Kongressbeiträge. Langjährige internationale Führungs- und Managementerfahrung. Gründer und Leiter von KORPIUN + FRIENDS, Institut für relationale Transaktionsanalyse, Hannover.
Theoretische Beiträge
Michael Korpiun entwickelt die Transaktionsanalyse konsequent weiter zu einer relationalen Theorie von Führung, Organisation und gesellschaftlicher Entwicklung. Aufbauend auf dem relationalen Menschenbild – der Mensch wird durch seine Bezogenheit – integriert er Erkenntnisse aus Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie, Systemtheorie, Soziologie und Philosophie in die TA und verbindet sie mit der relationalen Wende in Psychoanalyse und Humanwissenschaften.
Ein erster Kern seiner Arbeiten ist die Relationale Organisationsentwicklung. Korpiun versteht Organisationen als sinnorientierte Konstitution kollektiver innerer Beziehungsbilder. Damit verschiebt er den Fokus von Struktur- und Prozesslogiken hin zu Beziehung, Kohäsion und Sinn. Er entwickelt Modelle wie das kollektive Beziehungsbild, den Bildabgleich und den organisationalen Entwicklungsraum, mit denen sich die impliziten Beziehungsmuster, Felder und Reifegrade von Organisationen beschreiben und gestalten lassen. Organisationsentwicklung wird so zum Prozess, in dem Menschen ihre Fähigkeit entwickeln, in Organisationen bezogen, kokreativ und sinnorientiert zusammenzuarbeiten.
Ein zweiter Kernbereich ist die relational begründete Führungsforschung. In seinem Modell der Führungs-Triade interpretiert Korpiun Bernes Führungsfunktionen archetypisch und relational als repräsentative, exekutive und transformative Führung. Führung wird als Gruppenprozess verstanden, der sich im Zusammenspiel von Leadership und Followership im relationalen Feld vollzieht. Hinzu kommen Modelle zu Augenhöhe, Autorität und konsonanten bzw. dissonanten Begegnungen, mit denen er zeigt, wie gelingende Beziehungen, Ebenbürtigkeit und verantwortete Autorität zusammenhängen.
Darüber hinaus entwickelt Korpiun zentrale Bausteine der relationalen TA weiter: Er beschreibt Grundpositionen als innere Beziehungsbilder, differenziert Beziehungsbilder und Beziehungsatmosphäre aus und zeigt, wie Bildabgleich und kollektive Imagos zur Gestaltung von Kohäsion und Identität beitragen. Seine Arbeiten zur Beziehungsorientierung als Handlungsperspektive bündeln diese Ansätze zu einem praktischen Rahmen für Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung. Damit leistet Korpiun einen wesentlichen Beitrag, die TA als relationale Theorie für die Entwicklung von Menschen, Teams und Organisationen im Kontext aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen zu profilieren.
Die deutschsprachige Schule versteht Relationalität umfassend auf zwei Ebenen: Erstens als erkenntnistheoretische Position zum Verständnis des Menschen. Und zweitens als praktischen Ansatz zur Gestaltung gelingender Beziehungen – im Privaten ebenso wie in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie versteht relationale Transaktionsanalyse als wichtigen Beitrag zum Umgang mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie z.B. Individualisierung, Vereinzelung, Fragmentierung, sowie Spaltung (vgl. Korpiun 2026).