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Die relationale Wende in den Natur- und Geisteswissenschaften

Die relationale Transaktionsanalyse ist Teil einer umfassenderen Entwicklung: der relationalen Wende in den Natur- und Geisteswissenschaften. Diese fundamentale Verschiebung lässt sich auf eine Formel bringen: Vom Sein zum Werden. Vom Objekt zur Relation. Vom Einzelnen zur Beziehung.

Beispiele aus den Naturwissenschaften

Quantenphysik

Niels Bohr (1913) zeigt mit dem Komplementaritätsprinzip: Welle und Teilchen sind keine Eigenschaften, sondern Beziehungen zwischen System und Messapparat. Werner Heisenberg (1927): Die Unschärferelation belegt, dass es keine Messung ohne Störung gibt. Erwin Schrödinger (1935): Quantenverschränkung – entfernte Systeme bleiben relational verbunden. Konsequenz: Es gibt keine objektive Realität unabhängig von Beziehung.

Biologie

Humberto Maturana und Francisco Varela (1980) begründen die Autopoiese-Theorie: Lebende Systeme sind durch ihre Beziehungsmuster definiert, nicht durch ihre Bestandteile. Strukturelle Kopplung: Organismus und Umgebung beeinflussen sich wechselseitig. Konsequenz: Leben ist fundamental relational.

Neurobiologie

Vittorio Rizzolatti et al. (1996) entdecken Spiegelneuronen. Sie sind die biologische Grundlage von Empathie und Resonanz. Gerald Hüther (2006) und Joachim Bauer (2005, 2013) zeigen: Das menschliche Gehirn ist von Grund auf sozial strukturiert. Der Mensch ist biologisch ein Beziehungswesen.

Beispiele aus den Geisteswissenschaften

Phänomenologie

Martin Heidegger (1927) formuliert: Das primäre Phänomen ist nicht ein isoliertes Subjekt, sondern das „In-der-Welt-sein“ – existenzielle Eingebundenheit in Welt und Mitdasein. Maurice Merleau-Ponty (1945): Der Körper ist das Medium des In-der-Welt-seins. Wahrnehmung ist immer eingebettet in Beziehung zur Welt.

Psychologie

Mit der Wende zur ZweiPersonenPsychologie verschiebt sich der Blick von inneren Einzelprozessen hin zur gemeinsamen Beziehungsdynamik. Autoren wie Mitchell (1988), Benjamin (1990), Sell (1996), oder Tennent (2005) verstehen Psyche als etwas, das sich im Wechselspiel zweier Subjekte ereignet – ein Denken, das die relationale TA für ihr Verständnis von Selbst, Beziehung und Entwicklung fruchtbar macht.

Soziologie

Hartmut Rosa (2016) zeigt: Modernes Leben ist von Entfremdung geprägt – weil Beschleunigung und der Drang zur totalen Verfügbarkeit genau das zerstören, was ein gelingendes Leben ausmacht: Resonanz, die lebendige Antwortbeziehung zur Welt. Rosa (2018) betont das unaufhebbare Moment der Unverfügbarkeit – echte Begegnung ereignet sich, sie ist nicht machbar. Kenneth Gergen (2009) radikalisiert diesen Gedanken: Das Selbst entsteht nicht vor der Beziehung, sondern ausschließlich in ihr. Bedeutung und Identität sind immer Ko-Konstruktionen. Konsequenz: Das Soziale ist fundamental relational.

Dialogphilosophie

Martin Buber (1923) bringt es auf den Punkt: „Das Ich wird am Du zum Ich.“ Das Ich entsteht erst in der Begegnung mit dem Du. Es gibt nicht zuerst ein Ich, das dann eine Beziehung eingeht. Die Beziehung ist primär, das Ich sekundär. David Bohm (1996) und William Isaacs (1999) knüpfen daran an, wenn sie Dialog als Beziehungsraum beschreiben, in dem sich Bewusstsein (engl. con-sciousness! – Mitbewusstsein) zwischen Menschen entfaltet und neue Einsichten emergieren.

Leibphilosophie

Merleau-Ponty arbeitet die Unterscheidung zwischen erlebtem Leib und objektiviertem Körper heraus und versteht den Leib als zentrales Medium unseres Zur-Welt-Seins (Merleau-Ponty 2012). Thomas Fuchs versteht den Leib als lebendigen Resonanzkörper, in dem Intersubjektivität als Zwischenleiblichkeit beginnt – lange vor bewusster Reflexion (Fuchs 2021). Hans Jürgen Scheurle zeigt, wie diese leibliche Resonanz in der therapeutischen Beziehung als Mitschwingung und atmosphärische Verdichtung zur Grundlage von Empathie und Veränderung wird (Scheurle 2015). Böhme, Sell und Watzel verstehen den Leib als sinnliches Reservoir im relationalen Feld (Böhme 2025; Sell 2026a, 2020b; Watzel 2026).

Diese wissenschaftlichen Entwicklungen bilden den erkenntnistheoretischen Rahmen der relationalen TA. Sie zeigen: Relationalität ist kein Spezialthema der TA – sie ist eine wissenschaftliche Grundströmung unserer Zeit.

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